Projekt Aphrodite

B-17F Formation

Eine Gruppe von B-17F auf dem weg zu ihrem Ziel irgendwo im besetzten Europa. Von den Maschinen, die diese Einsätze überleben, verdienten sich einige ihr Gnadenbrot mit weniger gefährlichen Aufgaben. Der größte Teil wurde jedoch verschrottet. Lediglich eine Handvoll kriegsmüder B-17 kamen noch einmal zu Ehren: Für einen Flug ohne Wiederkehr beim Projekt "Aphrodite".

Im Juni hatten sich die Engländer schon daran gewöhnt, von dröhnenden Flugzeugmotoren aus ihrem morgendlichen Schlummer gerissen zu werden. Auch das Schauspiel eines abstürzenden oder in Flammen aufgehenden oder explodierenden Flugzeugs war kein ungewöhnliches Ereignis in East Anglia des Jahres 1944. Als allerdings am sonnigen Nachmittag des 4. August eine Boeing B-17 in einen Wald stürzte, überstieg die Explosion doch gewaltig den gewohnten Rahmen. Auch wenn die Detonation durch zahlreiche Eichen etwas gemildert wurde, so büßten doch drei Straßenarbeiter noch in beträchtlicher Entfernung ihr Gehör ein.

Den am Absturzort Eintreffenden bot sich ein Krater von rund 30 Metern Durchmesser und Stämme ausgewachsener Eichen lagen um Umkreis von 60 Metern verstreut. Von der B-17 waren nur noch Metallfragmente vorhanden, die größten davon die Zylinder der Motoren.

Die bei der Explosion entstandene Hitze hatte einen großen Teil des Metalls geschmolzen. Nicht verwunderlich, denn bei dieser Maschine handelte es sich nicht um eine normale B-17 mit einer Bombenladung von 4.000 lbs (1.814 kg), sondern wahrscheinlich um den tödlichsten Flugkörper, der jemals über Großbritannien niedergegangen war. Dieser und drei weitere gleich ausgerüstete Bomber bildeten die Eröffnungssalve im Rahmen eines Experiments mit ferngelenkten Waffen - benannt nach der griechischen Göttin der Liebe: "Projekt Aphrodite".

Am 13. Juni begannen die Deutschen von Startrampen in Pas de Calais aus mit der "fliegende Bombe" Fieseler Fi 103 (V-1) ihre Offensive gegen London. Bei der V-1 handelte es sich eigentlich um ein speziell zum Tragen eines Gefechtskopfes konstruiertes unbemanntes, nicht wieder verwendbares Flugzeug mit Pulsostrahlahntrieb. Dieser Vorläufer der heutigen Marschflugkörper war ein Ergebnis der 1928 von dem Aerodynamiker Paul Schmidt begonnenen Forschungsarbeiten an Pulsostrahlantriebwerken.

Das Projekt lief unter dem Decknamen FZG 76; der Flugkörper erhielt die Bezeichnung Fi 103 und die Waffe selbst wurde von Göbbels' Propagandamaschinerie V-1 (d.h. Vergeltungswaffe 1) getauft. Bei den Londonern war sie nach ihrem ersten Treffer am 13. Juni 1944 wegen ihres unverkennbaren Geräuschs als "Doodlebug" benannt.