„Das erste Anzeichen für einen Angriff auf Berlin kam am Morgen des 4.März 1944. Gegen 4 Uhr früh, als wir noch in unseren Schlafsäcken in den Nissen-Baracken lagen, weckte uns das ferne Dröhnen von B-17 Geschwadern, die gerade starteten. Die Zeit war immer knapp und da es zum Rasieren viel zu kalt war, zogen wir uns schnell an und stolperten zum Frühstück in die Messe. Als wir uns danach zur Einsatzvorbesprechung trafen, fiel uns als erstes die riesige beleuchtete Landkarte Europas auf. Ein 2,5m langes rotes Band verlief von unserem Stützpunkt in Leiston bis zum großen B von Berlin.

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Bombergeleitschutz

Laut Plan sollten wir tief im feindlichen Hinterland zu den Bombern stoßen. Die P-47 sollten die Bomber sozusagen bis zum letzten Tropfen Treibstoff begleiten und dann abdrehen. Ein paar Minuten früher sollten wir mit den Bombern zusammentreffen und sie während ihres Einsatzes über Berlin und auf dem Weg zurück begleiten, bis weitere P-47- und P-38 -Gruppen uns auf dem Rückweg ablösen würden. Wir erwarteten über dem ganzen Weg heftigen Widerstand von den deutschen Abfangjägern und der Flak. Der Kampf konnte bereits nördlich von Amsterdam, kurz hinter der feindlichen Küstenlinie, beginnen. Waren wir erst einmal über der Zuidersee angelangt, befanden wir uns im Jagdkorridor der Luftwaffe.

Die Bomberbesatzungen sollten jedoch trotz unserer Anstrengungen nicht ungeschoren davonkommen. Der Kurs des Bombergeschwaders führte in der Regel über Münster, Osnabrück, Hannover, Braunschweig und Magdeburg. Die in Magdeburg stationierten deutschen Fliegereinheiten waren stets auf der Hut – und immer schnell am Himmel.

130km südlich von unserem Kurs würden dann wahrscheinlich weitere Bf-109-Geschwader von Kassel, Erfurt, Halle, Leipzig und anderen Orten aufsteigen. Das waren die wichtigsten Punkte in der Vorbesprechung; der Rest drehte sich um die genaue Zeitplanung, um das Wetter, die Flughöhe usw. Weniger spektakulär, aber vielleicht sogar noch wichtiger.

Das Geschwader startet immer zu zweit, ein Rottenführer und ein Rottenflieger. Dabei rollten zwei der drei Staffeln auf den nicht benutzten Teil der Startbahn bis zum Schnittpunkt mit der aktiven Startbahn heran. Die dritte Staffel rollte auf der Betriebspiste bis zum Schnittpunkt heran und der Kommodore und sein Rottenflieger rollte zu zweit an den Start. Die Rotten starteten knapp hintereinander. Ein Flaggoffizier gab dazu jeweils das Kommando.

Nach dem Vollkreis des Verbandsführers über dem Platz war die gesamte Führungsstaffel in der Luft und formierte sich. Drei Platzrunden und alle drei Staffeln waren in Formation. Pro Staffel 16 Flugzeuge und zwei als Ersatz.

In dieser Formation machten wir uns auf den Weg. Nach 200km waren wir etwa auf 20.000 Fuß (6.000km) Höhe. Auf unsere Bomber würden wir erst über Hannover oder Braunschweig stoßen. Als wir die Zuidersee überquerten, konnten wir bereits die ersten Anzeichen des Gefechts erkennen. Der Boden was übersät mit den Trümmern brennender Flugzeuge.

Bis jetzt war alles noch relativ ruhig geblieben – die deutsche Luftwaffe griff im allgemeinen keine einzelnen Mustang-Gruppen an. So etwas hätte sie sich nicht hätte leisten können. Ihre Aufgabe war es unsere Bombergeschwader anzugreifen; sie waren ja für den Schaden verantwortlich. Eine brennende B-17 galt mehr als eine Handvoll P-51. Wenn aber eine P-51 im Weg war, griff man sie dennoch an.

Wir kamen am Treffpunkt an, und die Jug-Eskorte (P-47) machte sich auf den Weg zurück nach England. Unser Pulk, die 354th aus Colchester und die P-38 übernahmen den Begleitschutz. Da die Bomber wesentlich langsamer waren, mussten wir in Schlangenlinien über ihnen fliegen. Die P-38 stellten Höhendeckung; wir blieben dicht bei den Bombern, wobei unsere drei Staffeln so verteilt waren, dass die gesamte Bombergruppe gedeckt werden konnte.

Kurz vor dem Ablaufpunkt – in der Regel eine Wende vom bisherigen Kurs auf die Zielanfluglinie – richtete sich schwere Flak auf uns. Wenn die schweren Geschosse nahe an einem vorbeizischten, konnte man einen Orangen Blitz inmitten der der schwarzen Rauchwolke erkennen.

Feindkontakt

Im Funk überschlugen sich die Stimmen. Die Abfangjäger von vorne! Alle Piloten warfen die beiden Zusatztanks ab und drückten auf den Handfeuerwaffenschalter. Die Luftwaffe hatte alles eingesetzt, was zwei Tragflächen hatte. Soviel ich von meiner Position als Rottenflieger des Kommodore sehen konnte, gab es keinen Angriffsschwerpunkt. Sie kamen aus allen Richtungen, zu zweit, zu dritt oder zu viert.

Mein Rottenführer hängte sich an die Fersen einer zweimotorigen Me 110, die gerade eine B-17 aufs Korn nehmen wollte. Ich deckte ihn und warf auch einen Blick nach hinten. Die 110 kam direkt im vorderen Viertel herein und wir nahmen sie beide unter Beschuss, aber ohne Erfolg. Ihre Geschwindigkeit und der Winkel waren noch zu groß. Eine eng gezogene Kerze brachte uns wieder hinter die Me 110, die im steilen Sturzflug zu entkommen versuchte. Wir beschleunigten immer stärker und feuerten Salve um Salve ab, aber sie war immer noch zu weit weg. Vereinzelt trafen wir und aus ihrem linken Motor stieg etwas Rauch auf. Der Bomberpulk lag nun etliche Meilen hinter uns und der Kommodore beschloss, die Verfolgung abzubrechen und wieder zum eigentlichen Schlachtfeld zurückzukehren.

Widerwillig ließen wir von der 110 ab und reihten uns in das allgemeine Durcheinander ein. Unser gesamtes Begleitkommando hatte sich in Rotten aufgeteilt, die kleinste Kampfeinheit, die aus einem Rottenführer und einem Rottenflieger bestand. Einheitliche Staffeln waren nicht mehr zu erkennen. Jetzt hieß es, jeder gegen jeden – aber immer noch mit Methode. Wenn es irgend möglich was, blieben wir zumindest immer noch zu zweit zusammen. Der eine für die Taktik und das Schießen, der andere für die Rückendeckung.

Einen anderen Abfangjäger aufs Korn zu nehmen, war jetzt nicht einfach. Eine dicke Rauchfahne stieg von Berlin hoch und die Flak hämmerte aus allen Rohren. Die beim ersten Angriff gegen die Bomber eingesetzten Jagdflugzeuge der Luftwaffe waren zur freien Jagd übergegangen, nachdem sie ihren Erstauftrag erfüllt hatten. Nun waren sie vollauf damit beschäftigt, die Mustang-Begleitjäger abzuwehren, mit denen sie gar nicht gerechnet hatten.

Verluste

Es blieb uns beiden nichts anders übrig, als mit den Resten des 8th und 9th Fighter Command wieder in Begleitposition zu gehen und uns auf den Kampf, der uns auf dem Rückweg nach England erwartete, einzustellen. Auf dem Boden waren die brennenden Trümmern der abgeschossenen Maschinen zu erkennen. Die B-17 wurden immer noch mit schwerem Flakfeuer unter Beschuss genommen. Ab und zu fing eine Maschine Feuer und fiel aus der Formation. Gleich darauf öffneten sich gewöhnlich einige Fallschirme – nie jedoch alle. Ein brennender Bomber wurde immer für irgendjemandem zum Sarg.

Die alte B-17 kippte gewöhnlich mit einem oder zwei riesigen Löchern in ihrem Rumpf und schwerverletzten Besatzungsmitgliedern an Bord nach vorne über und geriet außer Kontrolle. Bei einer bestimmten Geschwindigkeit bäumte sie sich wieder auf oder ging in eine Kerze, um sich dann, vor dem letzten Fall zu Boden, auf eine Tragfläche zu legen. Das letzte Stück stieß sie stets kerzengerade nach unten. Normalerweise riss dabei eine Tragfläche ab und der Rest stürzte in einer wirbelnden Spirale 25.000 Fuß (8.000km) tief auf den Boden.

Ich habe sogar eine B-17 gesehen, die, nachdem sie von der Flak schwer getroffen wurde, einen richtigen Looping gemacht hat. Einige wenige Besatzungsmitglieder konnten noch abspringen, bevor der Bug sich senkte und die Maschine im Sturzflug abtauchte. Dann schoss sie wieder hoch, bis sie auf dem Rücken über den Scheitel zog und auf der anderen Seite wieder herausfiel. Dabei brachen hier und da einige Stücke heraus, ein Teil vom Leitwerk und auch ein Stück von der Tragfläche, bevor sie auf dem Boden zerschellte.

Unser erster vollständiger Begleiteinsatz nach Berlin fand am 4. März 1944 statt. Mit vollständig meine ich, dass genügend Jagdflugzeuge vorhanden waren, um die Verluste des Bombergeschwaders auf ein Minimum zu begrenzen. Fünf Bombenangriffe auf Berlin sollten Hitlers Kriegsführung ins Wanken bringen. Sie wurden am 3., 4., 6., 8. und 9. März geflogen, wobei jedes nur verfügbare Flugzeug zum Einsatz kam. Bei vier dieser Einsätze war ich dabei.

Am 6. März schoss unser Geschwader 20 Abfangjäger der Luftwaffe ohne einen einzigen Verlust unsererseits ab. Wir machten Fortschritte.“