Schweinfurt wurde für die 8th Air Force zu einem schicksalhaften Wort, als sie hier im August 1943 große Verluste erlitt.

„Ich erfuhr aus erster Hand, dass sich ein Mensch mit der Tatsache des eigenen Todes abfinden kann ohne in Panik zu geraten.“
Unbekannter amerikanischer Flieger, der den Angriff auf Schweinfurt am 17. August 1943 überlebte

Man schrieb den 17. August 1943. Es war genau ein Jahr her, dass die 8th US Air Force von ihren Stützpunkten in Großbritannien aus mit der Bombardierung der Festung Europa begonnen hatte.

Der Himmel über den amerikanischen Stützpunkten in Ostengland war bedeckt, und die Besatzungen der Flying Fortress warteten gespannt, ob sie nun tatsächlich zum Einsatz kämen oder nicht – einige von ihnen bis zu sechs Stunden. Die Spannung wurde noch durch die hohe Bedeutung verstärkt, die jeder, vom General bis zum einfachen Dienstgrad, dieser Operation zumaß: Es war der erste, rein strategische Bombeneinsatz, der die Lebensadern der deutschen Industrie treffen und somit den grausamen Krieg verkürzen sollte.

„Okay, Leute“, hieß es in der Vorbesprechung, „Wir werden die Kugellagerfabriken in der Stadt namens Schweinfurt in Bayern angreifen. Dabei werden wir gezwungen sein, mitten durch Deutschland zu fliegen, sowohl beim Reinkommen als auch beim Rausfliegen. In den Fabriken dort wird die Hälfte der deutschen Kugellager hergestellt, und wenn wir sie vernichten, wird unser Angriff ein Erfolg sein.

Wir werden in einer Höhe von 23.000 Fuß (ca. 7.000 m) fliegen und versuchen, die Kräfte des Gegners aufzusplittern. Die 3rd Division wird zuerst starten, Regensburg angreifen (die zweitgrößte Flugzeugfabrik im Deutschen Reich) und dann nach Nordafrika weiterfliegen. Die beiden anderen Divisionen werden Schweinfurt angreifen und dann nach England zurückkehren. Hoffen wir, dass die Sache klappt, denn wenn wir sie nicht reinlegen können, werden wahrscheinlich so dreihundert oder vierhundert Flugzeuge…“

Prophetische Worte. Der Plan funktionierte nicht, die deutsche Luftabwehr entdeckte sie zu früh, und als Folge davon mussten mehr als fünfhundert junge Amerikaner ihr Leben lassen.

- Werbung/Advertisement -

Der Plan

Der gesamte Plan hing von einem perfekten Timing ab. 146 Flying Fortresses, zusammen mit fast 200 Jägern, die ihnen während der ersten Stunden Rückendeckung geben würden, sollten die englische Küste in Lowestoft verlassen, im Zickzackkurs über die Nordsee nach Holland fliegen, südlich nach Belgien abdrehen und Deutschland in südöstlicher Richtung bis Mannheim überfliegen, dann nach Osten schwenken und das Messerschmitt – Werk in Regensburg bombardieren. Das Werk wäre an sich schon ein wertvolles Ziel gewesen, aber es sollte nur als Täuschungsmanöver zur Ablenkung der deutschen Abfangjäger dienen. Zehn Minuten nachdem der Führungsverband unter dem Befehl von Curtis LeMay gestartet war, folgten ihm unter dem Kommando von Brigadegeneral Robert Williams weitere 230 B-17 und eine Anzahl von Jägern auf dem Weg zu den Kugellagerfabriken in Schweinfurt.

Und um die Verwirrung perfekt zu machen, sollte ein gemischter Verband mit mittleren Bombern vom Typ Typhoon und Mitchell die Straße von Dover überqueren und soviel deutsche Abfangjäger wie möglich nach Süden, auf die Bretagne zu, ablenken.

Der Zeitpunkt des Operationsbeginns war auf 8.30 Uhr angesetzt. Zu dieser Zeit lag der Nebel noch wie eine dicke tropfende Decke über Ostengland.

LeMays Staffeln auf ihrem Stützpunkt an der Küste bei Norfolk konnten als erste ein Aufklaren erkennen. Kurz nach 9.00 Uhr wurde allmählich das Ende der Startbahn sichtbar, obwohl die Wolkenuntergrenze immer noch bei null Fuß lag.

Start

Um 9.30 Uhr waren alle Maschinen in der Luft und bildeten einen weiten Kreis, der von Norwich bis über The Wash reichte. Nun sollten die restlichen Einheiten der 8th Air Force zu ihnen stoßen. Wenn sie mehr als zehn Minuten Abstand hätten, wäre die gesamte Mission umsonst. Ein größerer Zeitabstand würde die Verwirrungstaktik zu einer Warnung für die gesamten Luftabwehrstationen Deutschlands machen. Mit jeder Minute, die verging – und es sollten noch viele verstreichen -, geriet der Plan mehr und mehr ins Wanken.

Im nachhinein betrachtet, kann man leicht sagen, dass es besser gewesen wäre, die Operation zu diesem Zeitpunkt abzubrechen und auf einen anderen Tag zu verlegen. Doch wer vermag zu sagen, was im Kopf des Brigadegenerals Frederick L. Anderson vorging, als er als Alleinverantwortlicher in seinem Kommandobunker in High Wycome saß und nicht wusste was er tun sollte?

Von allen Seiten wurde gedrängt, der deutschen strategischen Industrie in den K.O.- Schlag zu versetzen. Aus der US Air Force kam Druck, zu beweisen, dass die Strategie des Massenangriffs die Richtige war. Dazu kam, dass die Meteorologen für Mitteleuropa klare Sicht vorhergesagt hatten, für die nächsten Tage aber schon wieder mit einer mindestens zwei Wochen anhaltenden Schlechtwetterphase rechneten.

Eine ganze Stunde flogen die für Regensburg eingeteilten Bomberkräfte ihre Warteschleife, und jede Bewegung eines jeden Flugzeugs wurde von den deutschen Funkern auf dem Radarschirm genau verfolgt. Von den Flugplätzen in Holland und Norddeutschland stiegen Abfangjäger auf, und auch sie begannen einen ziellosen, einsamen Schattentanz, wie ein Boxer in seiner Ecke, bevor der Gong zur nächsten Runde ertönt. Die Typhoons und Mitchells starteten zu ihren zwecklosen Provokationsmanövern über der Straße von Dover. Und General Anderson zögerte immer noch. Um 10.00 Uhr wurde ihm die Entscheidung zwangsweise abgenommen. Wenn der Regensburger Verband die unbekannten Feldflugplätze in Afrika noch bei ausreichendem Tageslicht erreichen sollte, musste er jetzt losfliegen.

Die Fernschreiber in den Kontrolltürmen in Ostengland begannen zu ticken, und die 3rd Division der US 8th Air Force startete in Richtung Osten.

Der Nebel begann sich nun auch weiter im Süden und im Binnenland zu lichten, wo die nach Schweinfurt beorderten Staffeln auf den Start warteten. Weitere Verzögerungen entstanden, während sich eine Staffel nach der anderen in die Warteschleife einreihte. Etwa um 13.15 Uhr drehte der Flugzeugschwarm nach Süden ab, über die Küste von Suffolk, über die Nordsee und über die Grenzen jeglicher Vernunft hinaus, in eine andere Welt. Der Großteil der zweiten Angriffswelle sah nicht einmal den Zipfel eines schützenden Jägers, nachdem die holländische Küste überflogen war. Spitfires der Royal Air Force begrüßten sie zwar, aber die Langstrecken – Thunderbolts waren 9 Minuten zu spät gestartet und holten sie nicht mehr ein.

In Schwierigkeiten

Man munkelt, dass General Anderson der Ansicht war, wenn eine zehnminütige Verspätung ausreichte, um in den Reihen der Luftwaffe Verwirrung zu stiften, würde es mit einer Verspätung von 3 Stunden genauso gut funktionieren. Die Fähigkeit des deutschen Radar – Warnsystems derart zu unterschätzen war geradezu verbrecherisch. Während ein Abstand von 10 Minuten zwischen den zwei Angriffsgruppen die deutsche Luftabwehr dazu gezwungen hätte, ihre Einsatzkräfte aufzuteilen, hatte sie nun genügend Zeit, ihre gesamte Abwehr, ausreichend betankt und bewaffnet, zunächst der ersten, anschließend dann der folgende Gruppe entgegenzuwerfen.

„Als sich der Nebel endlich soweit gelichtet hatte, dass wir starten konnten, musste die 3rd Division bereits Regensburg angegriffen haben und auf dem Weg nach Afrika sein. Statt die deutsche Abfangjägerflotte zu täuschen und in der Folge zu zerstreuen, hatte die Division nur das deutsche Jagdkommando alarmiert und in Bereitschaft versetzt.

In etwa 1.000 Fuß Höhe stießen wir durch die Nebeldecke und flogen dann in einer Höhe von 23.000 Fuß auf den Kontinent zu. Eine dichte Wolkenschicht, die sich von 17.000 Fuß bis 27.000 Fuß erstreckte, blockierte uns den Weg. Wenn wir zusammen bleiben wollten, konnten wir da nicht hineinfliegen. Colonel Gross, der die 1st Division führte, hatte eine schwere Entscheidung zu treffen: Man konnte über den Wolken fliegen und dabei das Risiko in Kauf nehmen, dass dann auch das Ziel von den Wolken verdeckt sein würde, man konnte einen anderen Kurs nehmen oder die Wolkendecke unterfliegen. Sinn der Flughöhe von 23.000 Fuß war, die deutschen Abfangjäger, die Messerschmitt und die Focke-Wulfs, an einem schwachen Punkt zu treffen. Auf 16.000 Fuß oder 17.000 Fuß nämlich waren die deutschen Jäger auf der für sie optimalen Flughöhe.“ Und genau in dieses Höhenband dirigierte Colonel Gross seine Bomber. Das war der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Die Angriffe der Deutschen Luftwaffe

„Innerhalb weniger Minuten war es nicht mehr schwer, Freund und Feind zu unterscheiden, denn es waren nur noch feindliche Flugzeuge zu sehen“
Ein Bordschütze

Das fürchterliche Gemetzel nahm hier seinen Anfang. Gross‘ Formation verlor aufgrund der falschen Entscheidung ihres Anführers 10 Flugzeuge in nur 5 Minuten. Die Amerikaner jedoch waren mit elf 12,7 mm Maschinengewehren pro Flugzeug schwer bewaffnet und flogen in schützenden Box – Formationen. Am Ende des Tages konnte man nach der Zerstörung von 288 feindlichen Flugzeugen wahrhaftig nicht von einem leichten Sieg sprechen, zudem war diese Bilanz wohl etwas übertrieben. Das einzige was man genau weiß, ist die Zahl der Flying Fortresses, die dabei getroffen wurden – insgesamt 147. 60 wurden nie wieder gesehen. 27 waren so stark beschädigt, dass sie, obwohl es ihnen gelang, wieder zum Stützpunkt zurückzukehren, abgeschrieben werden mussten. Und 60 erreichten Nordafrika in einem Zustand, der eine Reparatur vor Ort unmöglich machte.

Die erste Angriffswelle hatte es indes nicht leichter. Ein Pilot, der in der letzten und somit am wenigsten geschützten Position in der Formation flog, erzählt: „Wir liefen ständig Gefahr, dass unser Flugzeug von herabfallenden Trümmern getroffen würde. Notausstiegsluken, Türen, zu früh geöffnete Fallschirme, Menschen- und Wrackteile von B-17 oder deutschen Flugzeugen kamen im Nachstrom an uns vorbei. Wir flogen weiter, folgten dieser grausamen Spur eines verzweifelten Luftkampfes, wo ein Flugzeug nach dem anderen explodierte und selbst sechzig Fallschirme auf einmal in der Luft nichts Ungewöhnliches waren.“

Die „X-Virgin“ erhielt eine Salve in die Rumpfmitte, die einen der Schützen tötete. Vier Männer sprangen ab, damit die wichtigsten Besatzungsmitglieder noch genügend Sauerstoff hatten, um zu ihren Ziel zu fliegen und die Bomben abwerfen zu können. Als der Ausklinkmechanismus der Bomben klemmte, lockerte ein verwundeter Schütze die Bügel mit einem Schraubenzieher und sprang dann auf die Bomben, bis sie herausfielen.

Auf der „My Prayer“ brach Feuer aus und die gesamte Besatzung, mit Ausnahme des Piloten, des Copiloten und des oberen Schützen, dessen Fallschirm zu stark verbrannt war, sprangen ab. Dem Schützen gelang es trotz einer Ladung Schrapnell im Bein, das Feuer unter Kontrolle zu bekommen. Anschließend übernahm er den vorderen Waffenturm. Zusammen mit dem Copiloten in der Rumpfmitte wehrte er die feindlichen Flugzeuge ab, bis sie fast auf Haushöhe waren und in dieser Höhe den ganzen Weg zurück zu ihrem Stützpunkt flogen. Der Copilot begann, alles was er finden konnte und was nicht gerade festgeschraubt war, hinauszuwerfen. Als er zu einem Paar Schuhe kam und sie gerade über Bord werfen wollte, sah er auf einem Feld einen Belgier, der begeistert winkte. Er band die Schnürsenkel sorgfältig zusammen und warf ihm die Schuhe zu! Mit dem letzten Tropfen Treibstoff und ohne Navigator gelang es dem Piloten, Die „My Prayer“ sicher zu einem RAF-Stützpunkt im Süden Englands zurück zu bringen.

Ein schreckliches Jubiläum

Nach dem Kriegstagebuch des VIII Bomber Command war das erste Jahr der Kampfeinsätze in Europa ein voller Erfolg. Die Ergebnisse sprechen jedoch eine andere Sprache. Ein Navigator, der sich auf dem Hinflug noch an den silbrig glänzenden Flugzeugen erfreut hatte, erzählt: „Ich erinnere mich, wie ich herabblickte und zahlreiche, unregelmäßig auftretende, gelborange Feuer am Boden lodern sah. Zuerst kapierte ich nicht – so blöd war ich. Hier konnten keine Städte brennen und ein Heuhaufen ergibt kein Feuer, das man aus 4 Meilen Entfernung erkennen kann … Plötzlich dämmerte es mir. Es waren lauter abgeschossene B-17, die dort am Boden verbrannten…

Über ganz Deutschland, Holland und Belgien erstreckte sich dieses schreckliche Bild von brennenden Flugzeugen. Europa schien mir mit unseren Toten gepflastert … über der Kanalküste erblickten wir dann, wie ein Geschenk des Himmels, die röhrenden Thunderbolts. Meine Uhr zeigte 16.59 Uhr. Die Nachmittagssonne schien warm durch die linke Fensterfront herein, und ich nahm meine schwere Kugelweste ab.“ Auf dieser Strecke hatte der Navigator wenig Arbeit. Den ganzen Weg, hin und zurück, brauchte der Pilot nur der Spur brennender Flugzeuge zu folgen.

Eine grausame Mission. Hoffentlich hatte er wirklich dazu beigetragen, den Krieg zu verkürzen.

Bei diesem Angriff auf Schweinfurt wurden 59 Flying Fortresses abgeschossen und 100 schwer beschädigt, 25 deutsche Jäger gingen verloren. Der Jubiläumsangriff wurde bisher zur schwersten Niederlage der US – Luftstreitkräfte in Europa: Jedes 5. Besatzungsmitglied fand bei diesem Angriff den Tod.

Zeugenberichte des Einsatzes